Es gibt sie noch, die kleinen Rituale unter Menschen, die dasselbe tun. Motorradfahrer – obwohl der Autor sie gelinde gesagt, nur mäßig sympathisch findet – tun es: Sie grüßen sich nett. Neulich habe ich es auf dem E-Roller beobachtet. Auch hier hat sich ein freundliches Handheben scheinbar etabliert. Dass der entgegenkommender Co2-neurtrale Verkehrsteilnehmer die Hand zum Gruße hob, hatte mich so verdattert, dass ich vor lauter Verwirrung erst meinerseits grüßte, als er schon in meinem Rücken war. Sehr zur Freude einer jungen Mutter mit Kinderwagen, die das Winken auf sich bezog und dieses freudig erwiderte. Tja, aber dieses kurze Handheben, das Nicken, das kurze Lächeln, manchmal nur zwei vom Lenker gelöste Finger – wer auf zwei Rädern unterwegs ist, kennt diese stille Grammatik der Begegnung. Und doch verhält sie sich nicht überall gleich. Sie hat Dialekte, Ausnahmen und ganze Schweigegebiete.
Was mir schon immer aufgefallen ist: Rennradfahrer sind eigentlich ausgesprochen nett. Man muss sie nur im richtigen Kontext erwischen. Auf einem Festival, an einem Verpflegungsstand bei der RTF, im Vereinsheim nach der Ausfahrt, da blühen sie auf. Da wird geredet, gefachsimpelt, gelacht, da teilt man sich den letzten Riegel. Aber irgendetwas setzt aus, sobald man ihnen auf der Straße begegnet. Da werden sie wortkarg, wirken grantig und grüßen oft schlicht nicht zurück. Man hebt die Hand, und das Gegenüber starrt mit zusammengepressten Lippen geradeaus, als gelte es, eine Bergankunft zu gewinnen, die niemand ausgeschrieben hat. Ist es Missgunst? Ist der Rennradfahrer an sich verbittert? Eine völlig unbeantwortete Frage, und genau deshalb so reizvoll. Denn die Mountainbiker sind ja der Gegenbeweis aus fast demselben Sport. Sie sind kommunikativer, nicken, rufen ein "Servus" über den Trail, warnen vor der Wurzel hinter der Kurve. Liegt es also an einer gewissen Eitelkeit? An der Aerodynamik der Seele, die jeden überflüssigen Gruß als Luftwiderstand empfindet? Oder ist man als Rennradfahrer einfach ein gewisser Sonderling?
Diesen Verdacht hatte ich übrigens schon früher, als ich noch Läufer war. Wo immer ich damals Rennradfahrer sah, waren es komische Typen, so dass man fast schon sagen musste: Es liegt wohl irgendwie am Sport. Eine vorschnelle Diagnose, gewiss. Aber so funktioniert nun einmal die Alltagssoziologie, die wir alle nebenbei betreiben. Wir sehen drei Exemplare einer Gattung und schließen auf die ganze Art. Genauso wie man eben weiß, dass alle LKW-Fahrer egoistische, rücksichtslose Zeitgenossen sind.
Und damit fällt mir eine alte Anekdote ein. Ein LKW-Fahrer fuhr einmal über die Mitfahrzentrale bei mir mit. Er war nicht sonderlich sympathisch und trank ein Dosenbier nach dem anderen, während die Landschaft vorbeizog. Irgendwann stellte ich ihm die einzige Frage, die mich wirklich interessierte: "Wird man eigentlich durchs LKW-Fahren zum *schloch, oder ist man vorher schon eines, um sich überhaupt für den Beruf des LKW-Fahrers zu qualifizieren?" Wie das Ganze ausging, weiß ich nicht mehr, es ist zu lange her. Vermutlich hat er weitergetrunken und ich bin weitergefahren.
Genau diese Frage ist es aber, die das Nicken auf der Straße so spannend macht. Henne oder Ei. Macht der Sport den Menschen mürrisch, oder zieht der mürrische Mensch einen Sport an, in dem er stundenlang allein und in Ruhe gelassen leiden darf? Vielleicht ist der ausbleibende Gruß ja gar keine Bosheit, sondern eine Form von Konzentration. Man sitzt im roten Bereich, die Beine brennen, der Puls hämmert, und in diesem Zustand ist ein Lächeln tatsächlich ein muskulärer Luxus, den der Körper sich nicht leisten will. Der Mountainbiker hingegen rollt durch den Wald, sein Tempo ist sozialer, seine Pausen länger, seine Begegnungen zufälliger. Vielleicht ist die ganze Freundlichkeit nur eine Frage der Geschwindigkeit. Im Übrigen könnte man auf die Idee kommen, dass das Phänomen "so ein Männderding ist", wie Frauen gerne mal deklarieren. Aber nein. Auch die Damen verhalten sich ganz genauso. Es muss also am Sport selbst liegen.
Bleibt das kleine, hartnäckige Rätsel des Festivals. Dort, abgestiegen, ohne Helm und ohne Wattzahl, ist derselbe Mensch plötzlich der herzlichste Gesprächspartner. Es ist, als hinge die Freundlichkeit am Kontakt der Schuhsohle mit dem Boden. Steht er, ist er Mensch. Sitzt er im Sattel, wird er Rennradgrinch. Womöglich grüßt man unterwegs deshalb nicht zurück, weil man in diesem Moment gar nicht ganz Person ist, sondern ein System aus Trittfrequenz, Windkante und innerem Dialog.
Eine endgültige Antwort habe ich nicht, und ehrlich gesagt will ich sie auch nicht. Ich werde weiter grüßen, weiter nicken, weiter die zwei Finger vom Lenker lösen. Und jedes Mal, wenn es unerwidert bleibt, denke ich an das Dosenbier auf dem Beifahrersitz und an die Frage, die nie beantwortet wurde. Henne oder Ei, Sattel oder Seele. Vielleicht ist das stumme Vorbeirollen ja selbst schon ein Gruß, nur einer in einer Sprache, die ich noch nicht ganz verstehe.
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