Dort unten ist man mit sich und dem Leben im Reinen
Es mag seltsam klingen. Vier weiße Wände, Betonboden, der Geruch von Kettenöl und Gummi. Kein Designermöbel, kein Feng-Shui, keine Kuscheldecke. Und doch: Kaum betritt man diesen Raum, legt sich eine merkwürdige Ruhe über einen. Die Räder lehnen an der Wand oder hängen an Haken – jedes einzelne ein Freund mit Geschichte. Man kennt jeden Kratzer, weiß um jede Schraube Bescheid. Hier ist man der Herr im Haus. Unangefochten. Unhinterfragt.
Die Kollegen im Büro, der Stau auf der Autobahn, der freundlich formulierte aber dennoch unmissverständliche Hinweis der Partnerin, dass das Regal in der Küche seit drei Monaten auf seine Montage wartet oder der Kellerraum nebenan auf Entrümpelung – alles das bleibt draußen. Hier zählen andere Gesetze. Hier zählt: Kette geölt? Bremsen greifen? Schaltung läuft sauber?
Schrauben ist Meditation
Ich behaupte: Wer noch nie mit einem Innensechskantschlüssel in der Hand vor seinem aufgebockten Rennrad gestanden und dabei die Welt vergessen hat, der hat eine Form der Meditation noch nicht kennengelernt. Und zwar eine, bei der man im Anschluss auch noch ein sauberes, funktionsfähiges Fahrrad hat. Das ist ein klarer Vorteil gegenüber dem klassischen Yoga.
Der Flow-Zustand, von dem Psychologen schwärmen, stellt sich beim Schrauben ganz von selbst ein. Man ist vollständig im Moment. Nicht weil man es so will, sondern weil die Mechanik eines Rades es verlangt. Eine Drehung zu wenig am Zug-Adjuster und es schaltet nicht mehr sauber. Ein paar Newtonmeter zu viel an der Sattelstütze und das Carbon knackt hässlich. Man justiert, dreht, feinfühlt sich heran. Der Kopf ist leer – von allem, was ihn sonst vollstopft. Stress wird abgebaut. Der Blutdruck sinkt. Die Schultern fallen runter - statt Räucherstäbchen zählt der Duft von WD40.
Wer das für übertrieben hält, hat noch nicht erlebt, wie man das Rad in den Montageständer hängt, dann zwei Stunden später aufschaut – und dabei bemerkt, wie das Gewirr des Tages sich irgendwo aufgelöst hat. Nicht gelöst. Aufgelöst. Das ist der Unterschied.
Und dazu eine Flasche Wein
Jetzt könnte man einwenden: Das klingt gut, aber man könnte doch genauso gut meditieren, ohne dabei gleichzeitig am Fahrrad herumzuschrauben und sich die Finger ölig zu machen. Stimmt. Könnte man. Aber dann fehlt das sichtbare Ergebnis. Zudem - und das würde einem beim Yoga nie in den Sinn kommen - hat es nämlich eine gewisse Logik, sich im Radkeller auch gleich einen kleinen Weinvorrat anzulegen. Oder haben Sie schonmal ein Weinregal in einem Gymnastikraum gesehen?
Anyway – die Temperatur ist konstant. Das Licht ist dezent. Die Gesellschaft – also die Rad-Armada – schweigt diskret. Was braucht man mehr? Ein gutes Glas Rotwein zum Feilen am Schaltwerk ist übrigens kein Zeichen von Dekadenz, sondern von Lebensklugheit. Man trinkt langsamer, wenn man gleichzeitig eine Schraube in der Hand hält. Man trinkt bewusster, wenn man weiß, dass die Einstellung der Bremse im nächsten Schritt eines besonderen Feinfgefühls bedarf. Man kostet. Genau das, was man auch beim Fahren lernt: nicht einfach treten und fahren, sondern spüren.
Natürlich empfiehlt es sich, das mit dem Wein nicht zu übertreiben. Es besteht die Gefahr, das ganze allzu laissez-faire zu sehen. Denn das ist es mitnichten, denn nicht nur der Fahrspaß, sondern das gesamte Rad-Erlebnis und nicht zuletzt die Sicherheit hängen davon ab, ob man konzentriert oder angeschwippst geschraubt hat.
Der Radkeller als Gesamtkunstwerk
Ein gut ausgestatteter Radkeller ist keine Spielerei. Es ist ein ernsthaftes Projekt. Der Montageständer ist die Grundlage, der Mittelpunkt des Großen Ganzen. Dazu kommen Werkzeug – ordentlich sortiert, versteht sich, auch wenn es in der Praxis meistens so aussieht, als hätte jemand einen Werkzeugkasten aus dem ersten Stock geworfen. Kettenreiniger, Kettenschmiermittel, Reifenheber, Nippelspanner (bitte nicht falsch verstehen), Kabelbinder in allen möglichen Längen (weil man nie weiß). Und dann die Räder selbst.
Mehrere Räder sind kein Luxus. Mehrere Räder sind Notwendigkeit - der Grund übrigens für den Titel dieses Blogs. Das eine Rennrad für die langen genussvollen Ausfahrten am Wochenende, das andere Rennrad für die Touren bei Schlechtwetter, das wiederum andere Rennrad wenn's mal schnell gehen soll. Das Gravelrad für die Schotterpiste und auch schonmal den Arbeitsweg, das Hardtail-MTB für knackige Ausfahren in moderat schwierigem Gelände, das Enduro Fully für den Spaß bergab, diverse E-Bikes und Alltags- sowie Retro-Räder - da kommen locker zehn Exemplare zusammen. Jedes Rad verdient seinen Platz, jedes Rad erzählt seine Geschichte und jedes Rad verdient Pflege.
Eben diese Pflege ist es, die den Mann in den Keller treibt. Und die ihn dort hält. Und die ihn – nach zwei, drei Stunden und dem ein oder anderen Glas Wein – als einen anderen Menschen wieder nach oben schickt. Ruhiger. Ausgeglichener. Im Reinen mit sich und dem Leben.
Die Familie wird es einem danken – auch wenn sie es nicht sofort zeigt.
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