08.06.2026

Dr. Jekyll auf dem Rennrad, Mr. Hyde im Bikepark

Es gibt eine Frage, die man sich in manchen Situationen selbst stellt: Wie viele "Ichs" gibt es eigentlich? Eine mögliche Antwort ist folgende: Es sind ungefähr so viele, wie Räder an meiner Kellerwand hängen. Denn ich habe festgestellt – und das ist keine Koketterie, sondern eine ernsthafte, beinahe beunruhigende Beobachtung: Ich bin nicht EIN Radfahrer. Ich bin ein ganzes Ensemble. Und welcher von uns die Bühne betritt, entscheidet nicht der Kopf, sondern das Rad.

Robert Louis Stevenson hat das mit Dr. Jekyll und Mr. Hyde literarisch durchexerziert – ein Trank, zwei Seelen. Bei mir ist es kein Trank. Es ist ein Schwung über die Sattelstange. Und plötzlich bin ich jemand anderes. Ich kenne viele Radfahrer, die schwören auf ein Vehikel. Ein guter Freund hasst Rennradfahren. Zu dröge, zu unspektakulär. Zweifellos sucht er er bei allem, was er tut die Action und das Abenteuer. Kein Wunder, dass er sich, wo es geht, auf engen Trails bergab stürzt. Anderen ist das zu wild. Sie sind auch technisch nicht ganz so versiert, haben Angst, sich weh zu tun und sitzen lieber auf dem Rennrad, genießen das Treten und vielleicht auch ein bisschen die körperliche Monotonie. Ihre Philosophie kommt der des Läufers am nächsten. Das macht mir zwar ein bisschen Angst, da ich selbst früher Läuer war und gerade weil das genau die Sportart war, die ich aufgrund ihrer Tristesse aufgegeben und irgendwann das Rennrad entdeckt habe.



Der Ästhet auf dem Rennrad

Setze ich mich auf eben jenes, wird aus mir ein Mensch, den meine Frau morgens nicht wiedererkennt. Die Beine: rasiert. Natürlich, und zwar nicht aus aerodynamischen Gründen und auch nicht, weil man im Falle eines Unfallsfalles die Heilchancen von großflächigen Schürfwunden erhöht – das rede ich mir und anderen immer ein –, sondern aus einem fast religiösen Sinn für Form. Das Trikot muss zur Socke passen, die Socke zum Lenkerband, das Lenkerband am besten zum Stimmungshimmel des Tages. Ich werde zum Stilisten, zum Connaisseur der glatten Linie, zum Mann, der nach langem ernsthaften Sinnieren zu dem Schluss kommt, dass Bremszüge innen verlegt sein müssen, weil sie – so wie Haare an den Beinen – außen einfach unzivilisiert wären. Auf dem Rennrad bin ich der, der am Café-Stopp das Rad so anlehnt, dass das Markenlogo zur Straße zeigt. Eitelkeit? Ja sicher! Narzissmus? Vielleicht in bisschen. Ich nenne es jedoch einfach Liebe zur Vollendung. Und dann das mit der Autoerotik. Es ist einfach geil, die Beine wie chromblitzende Pleuelstangen auf und ab pumpen zu sehen, dabei zu spüren wie die Muskeln wechselweise belastet werden, sie sich die Arbeit immer wieder nach dem gleichen Schema übergeben: Beuger, Wade, Strecker, Beuger, Wade strecker – bis das Brennen kommt. Leicht. Zunehmend. Um dann überzugehen in Schmerzen. Zugegeben, dann ist es auch vorbei mit der Autoerotik, dem Gefühl, sich selber sexy und ästhetisch zu finden, perfekt passend zu einem aufgeräumten Cockpit (wie man die Kombination aus Lenker und Vorbau heute nennt). Dann will mal einfach nur noch heim und lange heiß duschen. Aber so lange es einem gut geht, fährt die Selbstverliebtheit mit. Und fährt man so selbstverliebt an einem Schaufenster vorbei, wandert der Blick weg von der Straße zur Seite. Nicht etwa um die Auslage des Ladenlokals zu bestaunen sondern um das eigene Spiegelbild zu bewundern. Automatisch wird der Bauch eingezogen und der Rücken geradegemacht. Und klar ist, dass der Rennradfahrer immer sauber und ohne Makel unterwegs ist. Im Gegensatz zu ihm hier...

Der Hipster auf dem Gravelbike

Und dann hänge ich das Rennrad zurück an den Haken, nehme das Gravelbike – und werde innerhalb von Sekunden zum unkomplizierten Reisenden. Plötzlich ist mir alles egal, und zwar auf jene sorgfältig kuratierte Art, mit der einem nur dann alles egal sein kann, wenn man es sich vorher gut überlegt hat. Die Socken dürfen jetzt nicht mehr passen, sie müssen bewusst nicht passen – oder gerade in dieser Hinsicht doch wieder. Was jetzt zählt, ist die bewusste Unperfektion, die dann schon wieder zur Perfektion wird. Bartwuchs ist erwünscht. Haare an den Beinen auch. Das geht natürlich beim spontanten Umstieg vom Rennrad nicht so schnell aber wurden die Beine eine Weile nicht gepflegt, ist es auch egal, ja fast schon cool. Ich packe also meine Bikepacking-Tasche, in der ich Dinge transportiere, die ich nie brauchen werde, und fühle mich dabei wie ein Nomade, obwohl ich abends wieder in meinem eigenen Bett schlafe. Auf dem Gravelbike bin ich der Individualist, der Schotterpisten-Romantiker, der Filterkaffee aus der Emaille-Tasse trinkt und behauptet, der Weg sei das Ziel – während er heimlich doch ganz froh ist, wenn der Weg irgendwann zu einer Bäckerei führt.

Der Rebell auf dem Enduro

Wechsle ich aufs Enduro-Fully, fällt die Zivilisation komplett von mir ab. Und wenn es darum geht, sich im Wald den Weg freizukämpfen, weil irgendein Wald-Bürokrat irgendwelches Flatterband aus irgendwelchen Gründen in meinen Trail hängt, werde ich auch zum Gesetzlosen. Hier zählt kein Stil, hier zählt Rebellion und Schwerkraft. Die Klamotten sind leger, abgewetzt, möglichst markenfrei – wer auf dem Trail über Markenoutfits nachdenkt, hat den Trail nicht verstanden. Ich werde zum Unkonventionellen, zum Krachmacher, zu dem, der bergab grinst wie ein Halbstarker und bergauf flucht wie ein alter Seebär. Der Ästhet vom Rennrad würde mich hier verachten. Gut so. Auf dem Enduro brauche ich seine Zustimmung nicht. Ich brauche nur Grip, Federweg und die Gewissheit, dass mir niemand zusieht. Dreck ist hier normal und erwünscht. Das Brennen der Muskeln des Rennradfahrers nach der Tour ist hier der Staub auf Felge und Unterrohr. Fährt man einen Trail, ist das eine wahre Zeitreise. Bei keiner anderen Radfahr-Variante fühlt man sich so jugendlich wie mit dem Fully im Gelände.

Und weil drei Persönlichkeiten für einen ordentlichen Wahnsinn nicht reichen:

Da ist noch der Stoiker auf dem Alltagsrad. Kein Klickpedal, kein Helmvisier, kein Ehrgeiz. Ein Mann mit Einkaufstasche am Lenker, der an roten Ampeln nicht ungeduldig wird, sondern beinahe weise. Auf dem Alltagsrad habe ich nichts zu beweisen, und das ist vielleicht die seltenste und edelste meiner Persönlichkeiten. Hier bin ich einfach nur unterwegs. Punkt. Und bin ich in Bewegung im Stadtverkehr oder zwischen zwei Dörfern (um wirklich nur von A nach B zu kommen), frage ich mich oftmals, ob ich wirklich ein sportlicher Radfahrer bin, weil das ganze doch schon reichlich anstrengend ist. 

Und schließlich, am dunklen Ende des Kellers, lauert der nostalgische Romantiker auf dem Retro-Rad – jener wunderliche Zeitgenosse, der ein Stahlross aus einer Epoche fährt, in der Schalthebel noch am Unterrohr angebracht waren und mit viel Gefühl bedient werden wollten, da sie nicht einrasten. Hier gehört alles hin, was moderne Rennräder verbannt haben: Kabel, unheimlich dünne Reifen und der Rahmen sowieso und Bremsen, die des Namens quasi nicht würdig sind. Urbane Ästhetik, Lifestyle und die gelebte Perfektion der Unperfektion. Dazu natürlich das Outfit: Retro Trikots mit MOLTENI Aufschrift und Rennkäppis. Lediglich der Helm darf und sollte modern sein – der Sicherheit wegen. Auch wenn er designtechnisch eine Sünde ist. 



Wer von denen bin nun ich?

Hier kommt die Pointe, und sie ist ernster gemeint, als der Rest dieses Textes vermuten lässt: Vermutlich bin ich alle und keiner. Das Rad ist kein Sportgerät, es ist ein Spiegel – oder besser, eine Garderobe für die Seele. Wir reden uns ein, wir würden ein Rad nach Einsatzzweck wählen. In Wahrheit wählen wir eine Version von uns selbst, die wir an diesem Tag sein wollen. Das eine Rad lässt uns elegant sein, das andere frei, das dritte rebellisch, das vierte gelassen.

Stevensons Tragödie war, dass Jekyll und Hyde sich gegenseitig zerstörten. Mein Vorteil als Radfahrer ist, dass meine Persönlichkeiten friedlich nebeneinander an der Kellerwand hängen und sich abends den Wein teilen. Es braucht keinen Trank, um sie zu wecken. Es braucht nur einen freien Nachmittag und die Frage, die ich mir jedes Mal aufs Neue stelle, mit der Andacht eines Mannes, der weiß, dass er gleich jemand anderes wird:

Welches Rad nehme ich heute?



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